Die Götze Sinnlosigkeit in einer vernunftbesessenen Gesellschaft
(Tooba Qaiser)
Wir sind umgeben von ihr. Wir werden tagtäglich von ihr manipuliert. Sie bestimmt unser Denken, unser Handeln, unsere wichtigsten Lebensentscheidungen, kurz sie ist unsere postmoderne Religion: Die Götze Sinnlosigkeit.
Die Emanzipation der Vernunft aus einem oppressiven, unwissenschaftlichen, engstirnigen, dominanten Kirchensystem des Mittelalters hat zweifellos zu politischen, wirtschaftlichen und technischen Errungenschaften geführt, die einer gottlos taktierten Gesellschaftsführung zunächst mal alle Ehre macht. Die freiheitliche Selbstbestimmung des Menschen markiert unsere höchste, moderne Form der Sinnfindung, die aber auch als der natürliche Gegenpol zu einer mittelalterlichen Ohnmacht des Individuums gesehen werden kann, der den Menschen hemmungslos als Marionette eines irrationalen Gottesbildes missbrauchte, postuliert von machthungrigen und geldgierigen Menschen. Ein Gott, den das Individuum weder erreichen noch absolut erkennen konnte und der selbst die Marionette der kirchlichen und teils politischen Würdenträger war, geschickt getarnt hinter einem glänzenden Schleier des unerklärbaren Mythos. Sicherlich hat erst die Befreiung der Vernunft aus diesen mythischen Zwängen den menschlichen Geist bereitgemacht den mühsamen Weg zu unserer heutigen, postmodernen Selbstbestimmung zu beschreiten. Diese rebellische Form der Selbstbestimmung ist in allen Bereichen des menschlichen Daseins erkennbar, insbesondere auf sexueller, familiärer, wirtschaftlicher, medialer und konsumorientierter Ebene. Kein Gott und kein Mensch darf sagen was erlaubt und was nicht erlaubt nicht. Alles darf und muss erlaubt sein. An der Stelle des Glaubens an einen mittelalterlichen, nicht erkennbaren und nicht lebendigen Gott, tritt jetzt ein neuer Glauben ein, der alles vergöttert, was greifbar, mit den Augen zu sehen und sinnbefriedigend ist. Die mediale Entblößung des Menschen, v.a. des weiblichen Körpers scheint der wichtigste, freiheitliche Akzent des modernen Westens gegen die dogmatische, christliche Vergangenheit zu sein. Sexkult, Drogen, Videospiele, Rauchen, Alkohol, Schönheitswahn, Smartphones, social media, Netflix etc. sind längst keine unschuldigen Spaßmacher mehr, sondern sie sind sinnstiftend und dienen als Zuflucht für Menschen auf alternativer Religionssuche ohne Sinnprüfung. Dies geschieht auf Kosten der hohen moralischen Werte, auf Kosten der edelsten und erhabensten menschlichen Empfindungen, auf Kosten der verfeinerten Charakterzüge, auf Kosten der wahren Liebe und Treue, auf Kosten der inneren Reinheit und Unschuld, auf Kosten des persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Friedens und zu guter Letzt auf Kosten der im Westen hochgepriesenen, menschlichen Vernunft. Alles in allem ist das eine kindische Trotzreaktion auf die Ohnmacht einer in der Vergangenheit liegenden, das Individuum stark bevormundenden, mittelalterlichen Gesellschaftsstruktur. Es ist ein krankhafter Wahn zur Auslebung subjektiver Allmachtsfantasien resultierend aus einem Gotteskomplex heraus, ein pathologischer Reflex einer zutiefst unzufriedenen Generation.
Die Flucht vor einer irrationalen, dogmatischen Vergangenheit hat zunächst zweifellos unserer Vernunft göttlichen Aufwind gegeben in Form des technischen, wissenschaftlichen und politischen Fortschritts. Aber geendet hat diese Reise einer Neuformulierung des Selbstbildes in die Vergötterung von menschgemachter Illusionen. Kurz, wir drifteten von einem surrealen Gott zu einem anderen surrealen Gott. Erlöst aus dem Netz der irrationalen, christlichen Lehren fielen wir in das Netz des dogmatischen, illusionären, irrationalen Materialismus. Die Befreiung der Vernunft von der vergangenen, kirchlichen Fremdbestimmung führte letzten Endes zu einer radikalen Auslebung der individuellen Selbstbestimmung in unserer heutigen Zeit, die in meinen Augen zu oft pathologische Züge hat.
Auch wenn der technische und der wissenschaftliche Fortschritt für die Säkularisierung des Westens sprechen, ist die Säkularisierung dennoch in jeder Hinsicht daran gescheitert sich als sinngebend für das Individuum zu beweisen. Warum sonst gibt sich der mündige Mensch des 21. Jh. den ganzen Sinnlosigkeiten unseres Zeitalters derart unreflektiert, existenzvernichtend und pathologisch hin? Das Bewusstsein einer sinnlosen, gottlosen Existenz in einem sinnlosen Kosmos lässt die Lebensformel des Menschen derart komplex werden, dass selbst unser Meister, die Vernunft, scheinbar ihren Halt in betäubenden Sinnlosigkeiten sucht. Die menschliche Natur versinkt im Strudel der eigenen Sinnlosigkeit derart tief, dass beispielsweise Untreue, Sexkult und das Anschauen nackter Körper für die seelische Befriedigung als etwas Sinnvolles und Legitimes erscheinen, ebenso wie z.B. der Konsum von Drogen, Alkohol etc. Freiheit wird in unserer westlichen Gesellschaft hauptsächlich mit zügelloser Selbstbestimmung gleichgesetzt. Paradoxerweise lässt sich die Unfreiheit derselben daran erkennen, dass das hierdurch verursachte seelische Leid, proportional zum Ausmaß zügelloser Selbstbestimmung wächst. Wir leben hauptsächlich in Scheinwelten, vergöttern Illusionen, weil wir die Realität als sinnlos abgestempelt haben. Wir versuchen unsere innere Stagnation durch äußere, rauschartige Kicks zu bekämpfen. Die menschliche Natur strebt stets nach Höherem. Wir wissen nicht mehr wie wir diesen Durst stillen können und töten diesen Drang, was unsere menschliche Natur allmählich abstumpfen lässt. Unsere innere Natur protestiert vehement gegen die zügellose Selbstbestimmung, gegen die grenzenlose, materialistische Freiheit und gegen Spaßsucht als die höchsten Gipfelpunkte, die das menschliche Dasein im Westen zu erreichen hat.
Dieser Protest zeigt sich in unserer unruhigen, trotzigen, abgestumpften Musikkultur, in unserer Konsumbesessenheit, Partysucht, in unserem Kleidungsstil und in unserem Unvermögen auf höheren Ebenen zu lieben und Treue zu beweisen.
Es ist diese Erkenntnis unserer inneren Rebellion gegen eine Scheinglück versprechende Lebensformel, die den Menschen auf eine Rückbesinnung zur Wirklichkeit drängt. Es ist dieser innere, ungestillte Durst nach hoher, reiner, göttlicher Erkenntnis, der, wenn befriedigt, so erfrischend und beflügelnd auf die menschliche Existenz wirkt. Der den Menschen dazu befähigt sich aus dem Tornado der Sinnlosigkeiten zu befreien und in subtilen, spirituellen Welten göttlichen Genuss zu finden. Er lässt uns aus dem Kosmos der Illusionen herausbrechen und im inneren Kosmos Glück finden. Er lässt uns den materiellen Götzendienst aufgeben, der, wie ein Blutsauger, unser inneres Leben samt Geist und Seele verzehrt und lässt uns stattdessen den wahren Schöpfer des Universums anbeten, durch Dessen lebendige Existenz eine spirituelle Neugeburt vonstatten geht. Es wird ein vollkommen neuer Bezugspunkt zu der sich um den Menschen umgebenden Realität hergestellt. Ein kosmischer Sinn erfüllt jeden Atemzug eines solchen Menschen und göttliche Weisheiten schmücken die Tore zu seinem Geist. Sinnlose Weltfreuden erscheinen dann lasch und die Sehnsucht nach höherer Gotteserkenntnis wird zum höchsten Genuss eines spirituellen Menschen, die die Vernunft permanent schärft, das Bewusstsein erweitert und den Geist und die Seele wachsen lässt. Die blinde und sinnentleerte Befriedigung der physischen Sinne wird ersetzt durch die Befriedigung der geistigen und der seelischen Sinne. Ein undefinierbarer Strom inneren Friedens, dessen Fluss durch die Lebendigkeit Gottes verursacht wird, erfrischt das ganze physische Dasein des Menschen, welcher nunmehr eine höhere Dimension der Harmonie mit der Realität erfährt. Durch die Konsonanz des menschlichen Geistes und der Seele mit dem Schöpfer des Universums wird der Mensch empfänglicher für die subtilen Harmonien Seiner Schöpfung, also für die Realität, und distanziert sich von den vom Mensch geschaffenen, disharmonischen, oft sinnlosen Illusionen. Es ist die harmonische Beziehung zum Schöpfer des Universums, die die disharmonische und vergötternde Beziehung des Menschen zu allen Illusionen und zu den sich in ihnen verbergenden, berauschenden Sinnlosigkeiten bricht.